Der Dritte Ort hat Einfahrt auf Gleis 2

Oder: Wo sich kein Eiscafé halten kann, da ist der Eismann mobil.

Dritte Orte sind Plätze des Zusammentreffens und bieten Menschen die Möglichkeit der Begegnung mit Kunst und Kultur in ländlichen Räumen. Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen fördert die Konzeptentwicklung für diesen sowie sechzehn weiterer solcher Orte der Begegnung.

Nordlippe ist eine hügelige Gegend östlich der Alten Hansestadt Lemgo. Im Tal der Bega und der Exter müssen die Fahrschüler weit fahren, um das Anfahren an einer Ampel üben zu können. In solcher Gegend einen klassischen Dritten Ort mit täglich geöffneter Tür aufzubauen, ist sehr schwierig und sehr riskant. Aber: durch die beiden Täler verlaufen Gleise, und auf den Gleisen verkehrt eine historische Eisenbahn. Deshalb hatten wir die Idee, den Dritten Ort auf Räder zu stellen. Wo sich kein Eiscafé halten kann, da ist der Eismann mobil.

Zielbahnhof Dritter Ort

Lassen wir der Phantasie freien Lauf und entwerfen eine konkrete Utopie für Nordlippe! Jugendliche treffen sich, um sich über Liebesdinge, über Probleme in Schule, Ausbildung und Berufswahl auszutauschen, um wahlweise zu chillen oder gemeinsam etwas anzupacken. Dafür brauchen sie einen neutralen Ort, der nicht von einem Kirchturm und den üblichen Dorfrivalitäten beherrscht wird. Ein Ort, wo jemand ist, der sich kümmert, den sie alles Mögliche fragen und dem sie vertrauen können. Familien mit Kindern treffen sich, wo die Kinder miteinander spielen und die Eltern miteinander ins Gespräch kommen können. Ältere Menschen treffen sich zu Kaffee, Kuchen, Bier und Wurst, um zu politisieren, Familiengeschichten zu rekonstruieren oder alte Zeiten hochleben zu lassen. Leseratten treffen sich, um von den Büchern zu erzählen, die sie gerade lesen. Musikfans treffen sich in der Konzertpause, Kunstfans bei der Vernissage, Theaterfans in der Pause, Filmfans zum Glas Wein nach dem Abspann.

Und das alles nicht in der Stadt, wo sich die Leute ballen, sondern auf dem Lande, wo sich jedes Dorf zwei oder drei Hügel leistet, um von den Nachbardörfern hübsch getrennt zu bleiben. Und wo sich in fast keinem Dorf ein Gastwirt halten kann, geschweige denn ein Kino oder Theater oder Konzertsaal.

Deshalb ist der Dritte Ort in Nordlippe mobil: Es ist ein historischer Eisenbahnzug, der auf der ebenso historischen Bahnstrecke der Extertal- und Begatalbahn hin- und herfährt. Denn die meisten Dörfer Nordlippes sowie das Städtchen Barntrup reihen sich an dieser Bahnstrecke auf wie die Perlen an einer Schnur. Zweimal pro Woche bietet der Kultur- und Klön-Express der Landeseisenbahn Lippe offene Waggons Türen als Begegnungs­stätte an: einen Umbau-Gesellschaftswagen von 1959, ein Schnellzugwagen von 1937, ein Schnellzugwagen von 1929 mit Clubraum und ein Speisewagen von 1936, gezogen von einer E-Lok, die seit 1927 durchgehend den Betrieb auf der Extertalbahn bewältigt.

Erfahrungen mit Poetry Slams, Konzerten, Ausstellungen usw. zeigen uns: Ein neues Kulturprogramm hat gute Karten im ländlichen Raum, da die Gegend kulturell notorisch unterversorgt ist. Die Kunst geht bekanntlich nach Brot, die meisten Künstler zieht es in die Großstadt. Kommen sie nach Nordlippe, ist ihnen zwar Aufmerksamkeit gewiss, aber es fehlt an magnetischen Orten und das Publikum lebt zerstreut auf großer Fläche. Deshalb ist ein Kultur-Express ideal: Die Ankunft des Zuges im eigenen Heimatdorf lockt immer Leute auf den Bahnsteig, und wenn er gute Musik oder gutes Theater im Tender hat, dann wird die Trittstufe unwiderstehlich. Zudem erhöht der Kultur-Express die Reichweite stationärer Kulturangebote, nicht nur in Nordlippe, sondern weit darüber hinaus: Er bringt zum Beispiel als „Heckeneilzug“ Gäste aus Nordlippe, Lemgo und Lage zum Bahnhofsfest in Löhne.

Abfahrt in Nordlippe

Zukunftsmusik? Ja und Nein. Denn, bei Licht und mit genügend Selbstvertrauen betrachtet, sind erstaunlich viele Schwellen des mobilen Dritten Orts bereits gelegt:

Die Landeseisenbahn Lippe e. V. ist seit 35 Jahren in der Heimatarbeit tätig. Als Unternehmen im Ehrenamt und etablierte Tourismusmarke vernetzt die LEL viele regionale Angebote in Nordlippe: Draisinen, Wanderwege, offene Jugendarbeit, Beschäftigungsförderung, Bildungsangebote, Kulturveranstaltungen, regionale Gastronomie und mehr. Über 200 Mitglieder und rund 30 hoch engagierte und qualifizierte Fachkräfte erwirtschaften mit Routine den Eigenanteil, der staatliche und gestiftete Förderungen ermöglicht.

Die LEL betreibt eine 30 km lange Bahnstrecke mit (u.a.) diesen fünf Stationen: l Extertal-Bösingfeld mit eigener MINT-Werkstatt l Barntrup-Alverdissen mit Heimatmuseum l Barntrup mit einem Kulturschuppen für 80-100 Gäste l Dörentrup-Farmbeck mit eigenem Stellwerk Jugendkultur l Lemgo-Lüttfeld mit Weserrenaissance-Museum im Schloss Brake.

Zu unseren Kooperationspartnern gehören unter anderem der Kulturschuppen Barntrup, die Musikschule Barntrup mit eigener Bigband, das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake in Lemgo, die Burg Sternberg mit seinen Musikinstrumentenbau-Workshops  und das Landhaus Begatal in Farmbeck als Caterer. In unserer MINT-Werkstatt in Bösingfeld arbeiten technisch interessierte Jungen und Mädchen aus ganz Lippe unter Anleitung unserer Fachkräfte bei Reparaturen und Restaurierungen der Lokomotiven und Waggons mit. So arbeiten wir seit Jahren dem drohenden Fachkräftemangel entgegen.

Doch eine Schlüsselstellung für das Projekt nimmt unser Stellwerk Jugendkultur in Farmbeck ein. Wer zum ersten Mal nach Farmbeck kommt, sagt in der Regel: „Dritter Ort? Hier ist doch nichts.“ Farmbeck ist ein Ort ohne Ortsschild und ohne Kirchturm; ein Zwischen-Ort an einer Straßengabelung mit Bahnanschluss. Ein Abstellgleis mit Waggon, ein paar Schuppengebäude eines ehemaligen Landhandels. Doch der Ort hat eine Magie wie Bagdad, die bewohnte innerkalifornische Straßenkreuzung im Film »Out of Rosenheim«. Kein Kirchturm, das heißt auch: Es ist ein neutraler Ort, der nicht mit anderen Kirchtürmen konkurriert. Dort können sich Jugendliche aus allen Dörfern friedlich treffen, ohne in die traditionellen Territorialkämpfe zu geraten.

Mobiler Treffpunkt auf Schienen

Der ehemalige Bahnhof Farmbeck verfügte über ein Bahnhofsgebäude in preußischer Standardbauart und einen Güterschuppen. Die damalige Deutsche Bundesbahn hat den Bahnhof zur Haltestelle zurückgebaut und zwei Gebäude abgerissen. Im Jahr 2008 begannen freiwillige Helfer der Landeseisen­bahn Lippe, die Anschlussweiche und das Nebengleis zu reaktivieren und eine Bahnmeisterei einzurichten. Nebenan nutzen ein Beschäftigungsträger und eine Hobby-Autowerkstatt weitere Gebäude.

Im Januar 2009 entstand die Idee, die heute zum Dreh- und Angelpunkt geworden ist. Damals hatten wir ein rostiges Problem vor der Brust: Direkt an der Bahnstrecke residiert ein Schrotthändler, und der hat sein Gelände mit gestapelten Containern abgegrenzt. Die sahen von hinten nicht wirklich schön aus. Wie konnten wir es hinkriegen, rechtzeitig zum geplanten Bahnhofsfest im Sommer die Gleisseite der Container aufzuhübschen? Einer sagte: „Das wäre doch eine Sache, die man gemeinsam mit Jugendlichen anpacken könnte.“ Der Nächste setzte einen drauf: „Wir machen hier auf dem Land etwas für Jugendliche, das in der Stadt niemand hat: ein Transportmittel für junge Ideen vom Leben auf dem Lande.“ Das ging, denn der Verein hatte damals bereits einen eigenen Zug, und die Strecke wurde nur von der Landeseisenbahn Lippe genutzt.  So entstand der Plan Jugendwaggon: keine Immobilie, sondern eine Mobilie als Raum für Ideen und Wünsche der Jugendlichen, entlang der Strecke und darüber hinaus. Uns war klar: Über die Eisenbahnstrecke sind wir verbunden mit der Welt. Dies war die Geburt der Initiative „Jugend unter Dampf“, von Anfang an fachlich und finanziell unterstützt durch die Jugendförderung des Kreises Lippe.

Noch im gleichen Jahr schaffte die Landeseisenbahn Lippe einen ehemaligen Gepäckwaggon (Jahrgang 1929) an, um ein fahrbares Jugendzentrum einzurichten. Der heutige Europawaggon hat seit 2014 einen multifunktionalen Innenraum mit 45 m² Platzangebot, 30 Sitzplätzen, vier großen Tafelwänden und 230-V-Stromanschluss. Die meiste Zeit steht er ortsfest für die Jugendarbeit oder für Veranstaltungen in Farmbeck zur Verfügung. Der Waggon ist für das deutsche Eisenbahnnetz zugelassen und darf mit 120 km/h überall dahin rollen, wo es einen Bahnhof oder Abstellpunkt gibt. Seit 2018 macht er – neu lackiert mit azurblauem Grund und zwölf Sternen als Europaflagge – Werbung für Demokratie und die Europäische Idee. Den Förderbescheid aus dem Bundesförderprogramm „Demokratie Leben“ erhielten wir im Rahmen des WDR-Maus Türöffnertags. Auch bei der Einweihung des Europawaggons gab es etwas zu feiern: Wir erhielten den Deutschen Mobilitätspreis 2018 für das Forschungs- und Entwicklungsprojekt MonoCab.

Stationen am Laufweg

Der „Heckeneilzug“ ist also in Fahrt, die Zielstation „Dritter Ort“ steht im Kursbuch. Wie bei dieser Zuggattung üblich, gibt es zwischen A und Z keine gut ausgebaute Hauptstrecke, sondern der Weg mäandert durch manches Flusstal und erklimmt den einen oder anderen Pass. Sehen wir uns also an, welche Hindernisse er überwinden und welche Zwischenstationen er wahrscheinlich anfahren muss, um zum Ziel zu gelangen!

Zentrales Hindernis ist ein Dilemma: Ein fixer Ort mit regelmäßigen Öffnungszeiten ist im ländlichen Raum Nordlippes praktisch nicht zu bespielen, weil erfahrungsgemäß das anfängliche Interesse des Publikums später nachlässt und dann vielen der weite Weg unattraktiv erscheint. Deshalb das Modell des mobilen Eismanns: Kommen die Menschen nicht zur Kultur, fahren wir die Kultur zu den Menschen, oder wir holen die Menschen zu Hause ab und bringen sie zur Kultur. Doch das wirft das nächste Problem auf: Wenn der Zug weg ist, ist am Bahnhof nichts mehr los. Wer zu spät ans Gleis kommt, starrt in die Leere und hat einmal mehr das Gefühl: „Hier läuft nichts.“

Deshalb geht es nur mit einer intelligenten Kombination aus Mobilie und Immobilie. Die Schnittstelle bildet das Stellwerk Jugendkultur in Farmbeck. Die Immobilie signalisiert zusammen mit dem Europawaggon: „Hier ist ständig was los.“ Doch dazu muss Farmbeck erst ertüchtigt werden. Wir brauchen dort drei komplexe Dinge, die es noch nicht gibt:

  • ein multifunktionales Gebäude mit barrierefreien Toiletten, überdachter Bühne und kleinem Wartesaal, der sich für Mini-Veranstaltungen mit 20 Plätzen eignet,
  • ein hochwertiges, attraktives Kulturprogramm, das die Zugfahrten und den Wartesaal in Farmbeck bespielt,
  • technische Ausbauten an der Strecke, um regelmäßig zu Zielen in ganz Ostwestfalen-Lippe hinausfahren zu können.

Die Toiletten sind auch als Infrastruktur für den Zugbetrieb nötig, denn die Toiletten in den Waggons sind weder barrierefrei noch umweltfreundlich. Die Schaffung neuer Infrastruktur wollen wir mit Unterstützung entsprechender Landesmittel aus dem Programm realisieren. Und später vielleicht Zusatzmittel aus der Städtebauförderung. Was fehlt, schafft der Verein in ehrenamtlicher Eigenleistung.

Für das Kulturprogramm wollen wir eine Kulturmanagerin (m/w/d) über drei Jahre finanzieren. Und Angebote und Aktivitäten vor Ort oder entlang der Strecke durchführen Die Kooperation mit Kulturträgern der Region läuft schon, muss aber verstetigt werden.

So wird, wenn die Weichen richtig stehen und immer genug Dampf im Kessel bleibt, aus Dörfern und Hügeln, einer alten Eisenbahnstrecke und einer magischen Weggabelung ein Dritter Ort, von dem Dorfpäpste träumen.

Die Konzeptentwicklung für dieses Projekt wird gefördert durch